Montag, 18. Februar 2013

Pro Oriente: Sorge über die „rapide zunehmende Existenzbedrohung der Christen in Syrien und Ägypten


Regionalsymposion Kaslik 1994 Podium 

Eine hochrangige Gruppe von Freunden und Mitarbeitern von Pro Oriente tagte vom 12.-14. Februar unter der Leitung des Salzburger Theologen Prof. Peter Hofrichter im Bildungshaus der Pallottiner in Wien XIII. Zielsetzung dieser Gruppe, der auch der armenisch-orthodoxe Erzbischof Mesrob Krikorian, Professor Msgr. Philipp Harnoncourt und der Präsident der Stiftung, Dr. Johann Marte, angehören, ist es, neue Denkanstöße für den ökumenischen Dialog zu geben und Modellen für eine zunehmende  Gemeinschaft der Christen zu erarbeiten. Unter den Teilnehmern der aktuellen Tagung befanden sich auch der syrisch-orthodoxe Metropolit von Aleppo Mor Gregorios Y. Ibrahim, der koptisch-orthodoxe Generalbischof für Deutschland, Anba Damian und Prof. Dr. Baby Vargese aus Kerala von der indisch-orthodoxen Kirche. Die Gruppe diskutierte die Möglichkeit, den in der Vergangenheit höchst erfolgreichen inoffiziellen Dialog mit den Altorientalischen Kirchen wieder zu beleben und diesbezüglich mit dem neuen koptisch-orthodoxen Patriarchen Tawadros II. in Kontakt zu treten.
 
Die beiden orientalischen Bischöfe berichteten von der rapide zunehmenden Existenzbedrohung der Christen in Syrien und Ägypten und der humanitären Katastrophe in Syrien.
In Syrien werden zunehmend Christen gekidnappt, um Geld zu erpressen. Vertreibungen von Christen sind an der Tagesordnung, Zuletzt wurden achtzig christ­liche Familien aus einem Dorf am Euphrat aus ihren Häusern vertrieben. In informellen Gesprächen informierte Metropolit Mor Gregorios Y. Ibrahim über folgende Vorschläge und Wünsche der christlichen Kirchen in Syrien:
1. Sofortiger Waffenstillstand
2. Zulassung humanitärer Hilfe
3. Aufnahme von Verhandlungen zwischen von Verhandlungen und über die Zukunft Syriens
4. Wiederherstellung der traditionell guten Beziehungen zwischen Christen und Muslimen.
5. Die Christen lehnen jede militärische Intervention von außen ab.
In Ägypten wird es den Christen durch Ausschluss aus dem Erwerbsleben zunehmend unmög­lich gemacht, Familien zu Gründen, sodass man von einer zunehmenden Marginalisierung und Diskriminierung der christlichen Bevölkerung sprechen kann. Außerdem werden laufend junge Mädchen und junge Frauen entführt, zwangsverheiratet und zu Annahme des Islam gezwungen. Christen sind faktisch vogelfrei und weder durch entsprechende Gesetze noch durch die Polizei hinreichend geschützt. Die Christen in Ägypten fordern gleiches Recht für alle Bürger.
Wien, 14. Februar 2013, Peter Hofrichter und Hans Marte (Präsident)


Erich Leitenberger:

„Pro Oriente“: Sorge über die „rapide zunehmende Existenzbedrohung der Christen in Syrien und Ägypten“

Hochrangige Gruppe von „Freunden und Mitarbeitern“ der Stiftung tagte in Wien – Der in der Vergangenheit höchst erfolgreiche inoffizielle Dialog mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen soll neu belebt werden

Wien, 15.02.13 (poi) Die Stiftung „Pro Oriente“ ist besorgt über die „rapide zunehmende Existenzbedrohung der Christen in Syrien und Ägypten. Dies wird in einer Presseerklärung einer hochrangigen Gruppe von „Freunden und Mitarbeitern von ‚Pro Oriente’“ betont, die von 12. bis 14. Februar unter der Leitung des Salzburger Theologen Prof. Peter Hofrichter im Wiener Bildungshaus der Pallottiner zusammengetroffen war. Zielsetzung dieser Gruppe, der auch der Grazer Theologe Prof. Msgr. Philipp Harnoncourt, der armenisch-apostolische Erzbischof Mesrob Krikorian und „Pro Oriente“-Präsident Hans Marte angehören, ist es, „neue Denkanstöße für den ökumenischen Dialog“ zu geben und „Modelle für eine zunehmende Gemeinschaft der Christen“ zu erarbeiten. Unter den Teilnehmern der Tagung in Wien waren auch der syrisch-orthodoxe Metropolit von Aleppo, Mar Gregorios Youhanna Ibrahim, der koptisch-orthodoxe Generalbischof für Deutschland, Anba Damian, und Prof. Baby Varghese von der indisch-orthodoxen Kirche. Die Gruppe diskutierte die Möglichkeit, den in der Vergangenheit höchst erfolgreichen inoffiziellen Dialog mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen neu zu beleben und diesbezüglich mit dem neuen koptisch-orthodoxen Papst-Patriarchen Tawadros II. in Kontakt zu treten.

Mar Gregorios und Anba Damian berichteten von der dramatischen Situation der Christen in Syrien und Ägypten. In Syrien würden zunehmend Christen gekidnappt, um Geld zu erpressen. Vertreibungen von Christen seien an der Tagesordnung, erst vor wenigen Tagen seien 80 christliche Familien aus einem Dorf am Euphrat aus ihren Häusern verjagt worden. Der Metropolit von Aleppo skizzierte ein Fünf-Punkte-Programm der christlichen Kirchen in Syrien: Sofortiger Waffenstillstand, Zulassung humanitärer Hilfe, Aufnahme von Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien über die Zukunft Syriens,Wiederherstellung der traditionell guten Beziehungen zwischen Christen und Muslimen, Ablehnung jede militärischen Intervention von außen.

In Ägypten werde es den Christen durch Ausschluss aus dem Erwerbsleben zunehmend unmöglich gemacht, Familien zu gründen, berichtete Anba Damian. Man könne von einer zunehmenden Marginalisierung und Diskriminierung der christlichen Bevölkerung sprechen. Außerdem würden laufend Mädchen und junge Frauen entführt, zwangsverheiratet und zur Annahme des Islam gezwungen. Christen seien faktisch vogelfrei und weder durch entsprechende Gesetze noch durch die Polizei hinreichend geschützt. Die Christen in Ägypten forderten gleiches Recht für alle Bürger, die umfassende Religions- und Gewissensfreiheit als Basis aller Menschenrechte müsse endlich anerkannt werden. (forts)

Für „runden Tisch“ aller Konfliktparteien in Syrien

Für Mar Gregorios steht außer Zweifel, dass nur ein „runder Tisch“ aller Konfliktparteien nach einem Waffenstillstand und der Zulassung humanitärer Hilfe Syrien retten kann. Nach Ansicht des Metropoliten sollte man zur Verfassung von 1953 zurückkehren, die nur eine eingeschränkte Machtposition für den Präsidenten vorsah. Eine Konzentrationsregierung sollte Repräsentanten aller politischen, religiösen und gesellschaftlichen Gruppen umfassen. Die Entscheidung über die Staatsspitze sollte den für 2014 vorgesehenen Wahlen vorbehalten bleiben.

Entschieden ist Mar Gregorios gegen jede militärische Intervention von außen. Eine solche Intervention würde die bewaffneten Auseinandersetzungen zu einem Bürgerkrieg im eigentlichen Sinn verschärfen, letztlich könnte es zu einer Teilung des Landes kommen.

Auch in Wien wies der Metropolit von Aleppo die gängige Vorstellung zurück, die Christen hätten sich auf die Seite der Assads gestellt. Vor dem Beginn der Auseinandersetzungen im März 2011 hätten die Kirchenführer  – so wie die Repräsentanten aller anderen religiösen und ethnischen Gruppen in Syrien – bei offiziellen Anlässen den Präsidenten und die Regierung gepriesen, weil das säkulare System der Assads auch den Christen Entfaltungsmöglichkeiten bot. Nach dem Beginn der bewaffneten Auseinandersetzungen habe sich die übergroße Mehrheit der Christen für eine bewusst friedliche Haltung entschieden. Nur kleine Minderheiten stünden jeweils auf der Seite der Regierung oder hätten sich der Opposition angeschlossen. (forts)

Düsteres Bild aus Ägypten

Der koptische Generalbischof Anba Damian zeichnete im Gespräch mit dem „Pro Oriente“-Informationsdienst ein düsteres Bild der Situation der Kopten in Ägypten: Die Sicherheit der Kopten sei nicht gewährleistet, tagtäglich komme es zur Entführung, Vergewaltigung und Zwangsislamisierung koptischer Mädchen, Frauen ohne Kopftuch würden bedroht, koptische Geschäftsinhaber und Hausbesitzer unter den Augen der Behörden vertrieben, Kirchen in Brand gesteckt. Für alle diese Übergriffe gebe es weder Entschuldigungen noch Wiedergutmachungen oder Schadenersatz. Von den Sicherheits- und Justizbehörden würden die „aggressiven Taten der Islamisten“ systematisch unter den Teppich gekehrt, es gebe keine Prozesse gegen die Täter und ihre Hintermänner. Die Situation sei heute „noch schlimmer als unter Mubarak“, als es nur „gelegentlich“ zu Pogromen gegen die Kopten gekommen sei. In diesem Zusammenhang bedauerte der für Deutschland zuständige koptische Bischof, dass die „weltweite Reaktion auf die nahezu täglichen Vergewaltigungen koptischer Mädchen im Vergleich zur berechtigten Aufregung über die Vergewaltigung einer indischen Studentin in einem Bus in New Delhi doch sehr blass“ ausfalle. Dazu komme, dass sich die Islamisten eine Interpretation von Koran und Sharia zurechtgelegt hätten, wonach ein Muslim für eine Straftat nicht bestraft werden könne, wenn das Opfer Christ ist.

Die Verantwortung fange „ganz oben“ an, unterstrich Anba Damian. Präsident Mursi wolle im Grunde aus Ägypten „ein Kalifat“ machen, die islamischen Regeln aus dem 7. Jahrhundert würden von ihm als tauglicher Rahmen für einen modernen Staat im 21. Jahrhundert angesehen, die wichtigsten Posten seien durchgehend mit Muslimbrüdern oder Salafisten besetzt, unter 48 Ministern gebe es nur eine Christin, die Forschungsministerin. Mursi habe versprochen, eine christliche Politikerin als Vizepräsidentin zu ernennen, nichts sei geschehen. Die Kopten würden „systematisch marginalisiert“. Auch die Armee sei längst von Muslimbrüdern und Salafisten infiltriert. Die Übergabe der Macht an die Muslimbrüder sei „Staatsverrat“ gewesen. Die Überzeugung vieler Ägypter sei, dass die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton bei Feldmarschall Tantawi angerufen und mit der Streichung der Militärhilfe gedroht habe; daraufhin sei innerhalb von 30 Minuten das Ergebnis der Präsidentenwahlen zu Gunsten von Mursi gekippt worden, obwohl Ahmed Shafik Zaki der eigentliche Sieger gewesen sei.

Nicht nur die Kopten, auch viele liberale und moderate Muslime seien mit der Präsidentschaft Mursis nicht einverstanden, weil „Menschenwürde, Freiheit, die Sorge um Lebensstandard, Arbeitsplatzbeschaffung, gesundheitliche Versorgung usw. auf der Strecke bleiben“, unterstrich Anba Damian. Die Regierung versuche mit allen Mitteln, das Volk „unter Kontrolle“ zu halten, oppositionelle Meinungen würden nicht geduldet, ihre Träger oftmals attackiert und verletzt. Der koptische Bischof nannte das Beispiel des koptischen Unternehmers und Milliardärs Naguib Sawiris, der im Zug der ägyptischen Revolution die säkular-liberale „Partei der Freien Ägypter“ gründete, um die Vereinnahmung von Politik und Gesellschaft durch die islamistischen Parteien zu stoppen. Seither sei Sawiris tagtäglich einem intensiven Mobbing ausgesetzt, das sich sowohl gegen seine Person als auch gegen seine Unternehmen richte. Viele der Drohungen kämen über „Facebook“. In einem Interview mit der BBC habe Sawiris die westlichen Länder angeklagt, ein Stillhalteabkommen mit den Islamisten getroffen zu haben und dadurch die Werte der ägyptischen Revolution – Demokratie und Freiheit –, die auch die Werte des Westens seien, zu verraten.

Ein Zeichen für die reale Haltung der Muslimbrüder sei auch die Tatsache, dass das versprochene Gesetz über die Errichtung von Gotteshäusern – mit dem erstmals für den Bau von Kirchen und Moscheen identische Vorschriften gelten sollten – in der Versenkung verschwunden sei, erinnerte Anba Damian. Die Erhaltung und Renovierung von Kirchen, insbesondere aber die Errichtung neuer Gotteshäuser sei nach wie vor mit großen Schwierigkeiten verbunden. Dazu komme, dass sich die Attacken von Islamisten und Salafisten gegen christliche Kirchen unter den Augen der Polizei abspielten.

Der koptische Bischof unterstrich die hohe Verantwortung der Al Azhar-Universität als älteste und größte sunnitische theologische Lehranstalt der Welt: „Was dort verkündet wird, hat Auswirkungen im Alltag“. Für die analphabetische Hälfte der ägyptischen Bevölkerung seien die Freitagspredigt in der Moschee und das Angebot des Fernsehens die entscheidenden Elemente der Meinungsbildung: „Was die von Al Azhar ausgebildeten Imame sagen, ist von größter Wichtigkeit für die Bewahrung des gesellschaftlichen und interreligiösen Friedens“. In den „Fatwas“ (islamischen Rechtsgutachten) werde aber immer wieder die Religion im Hinblick auf politische Ziele – wie den Machterhalt des Präsidenten – instrumentalisiert. (ende)

Quelle: per E-Mail.

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