Mittwoch, 2. November 2011

Fotoaustellung von Tur Abdin in Amriswil



Tagblatt Online, 02. November 2011 14:58:16

«Wir waren hier willkommen»

Die Amriswilerin Silvia Eyyi hat eine Fotoausstellung zusammengestellt, mit der sie ihre aramäischen Wurzeln einer interessierten Öffentlichkeit vorstellen möchte. Sie lädt am Sonntag ins Kulturforum ein.

RITA KOHN

AMRISWIL. Noch lebt Silvia Eyyi in ihrem Elternhaus in Amriswil. «Es ist bei uns Sitte, dass die Mädchen bis zu ihrer Heirat bei den Eltern leben», sagt die 32jährige Kulturmanagerin. «Uns» heisst für Silvia Eyyi die Kultur ihrer Familie. «Wir sind Aramäer.» Fast 50 aramäische Familien leben heute in Amriswil. Die meisten von ihnen stammen aus demselben Dorf.

«Wir sind ein Nomadenvolk. Und wenn es einen Teil von uns in die Ferne zieht, ziehen die anderen möglichst in die Nähe», erklärt die junge Frau, die selber seit ihrer Geburt in Amriswil lebt. Die aramäische Gemeinde in Amriswil sei eine der Grössten in der Schweiz. In Schweden hingegen gebe es eine Stadt, in der fast nur Aramäer lebten.
Nicht mehr ausreisen

Wurden ihre Vorfahren noch aus der Türkei vertrieben, so dürfen die in der einstigen Heimat gebliebenen aramäischen Familien heute nicht mehr frei ausreisen. «Meine Cousinen und Cousins haben nicht die Möglichkeit, uns in der Schweiz zu besuchen», sagt Silvia Eyyi mit grossem Bedauern. «Sie bekommen keine Ausreisegenehmigung.»

Also reisen die aramäischen Familien aus ganz Europa zu ihren Angehörigen in die Türkei. Auch Silvia Eyyi ist in das Heimatdorf ihrer Familie gereist, das in der Region von Midyat in der Südosttürkei liegt. Dort verbrachte sie drei Monate damit, ihre aramäischen Wurzeln besser kennenzulernen.
Das Erbe kennenlernen

«Wir sprechen zu Hause mehrheitlich aramäisch», sagt die junge Amriswilerin. Trotzdem habe sie in der Türkei eine Schule für Aramäisch besucht. «Mir waren viele Worte nicht geläufig, die ich brauchte, um mich vertieft mit der aramäischen Kultur auseinanderzusetzen», erklärt die Amriswilerin. Denn dies war eines ihrer Ziele: Sie wollte sich sowohl mit dem religiösen als auch mit dem kulturellen Erbe der Aramäer auseinandersetzen.

«Ich habe spannende Einblicke erhalten», sagt Silvia Eyyi zurückblickend. Es sei eine schöne Zeit gewesen, wenn sich auch die politische Instabilität im Nachbarland Syrien auf das Leben im Dorf auswirkte. «Ich durfte nach 17 Uhr nicht mehr vor dem Dorf spazieren gehen – und auch der Zutritt zum Dorf selber ist nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr ohne weiteres möglich.» Das in der Region stationierte Militär sei jedoch ein wichtiger Schutz für die Bevölkerung.
Gut integriert

Silvia Eyyi fühlt sich wohl in Amriswil, das für sie Heimat geworden ist. «Die Aramäer haben sich gut integriert», sagt sie. Sie seien auch gut aufgenommen worden, weiss sie aus Schilderungen ihrer Familie. «Vielleicht liegt es daran, dass wir auch Christen sind und uns der katholischen Kirche angeschlossen haben.»

Die gute Integration der Aramäer in vielen europäischen Ländern führe jedoch unweigerlich auch zum Verlust der eigenen Kultur. «Die Kinder wissen vieles nicht mehr, was für die Eltern noch selbstverständlich war.»
Den Hintergrund beleuchten

Davon ausgehend, dass viele Amriswilerinnen und Amriswiler kaum etwas über die aramäische Kultur wissen, wollte Silvia Eyyi einen Anlass organisieren, im Rahmen dessen sie das Erbe ihres Volkes vorstellen kann. «Es ist gleichzeitig meine Diplomarbeit für die Ausbildung zur Kulturmanagerin», sagt sie und präsentiert stolz das Programm für die Fotoausstellung vom kommenden Sonntag im Kulturforum.

Ab 11.30 Uhr können alle Interessierten sich bei einer Fotoausstellung, einem Workshop mit traditionellen Tänzen (13 bis 13.30 Uhr), zwei Vorträgen (12 und ca. 13.30 Uhr) sowie einem Buffet mit orientalischen Spezialitäten einen Eindruck von der aramäischen Kultur, ihrem religiösen Hintergrund und den aktuellen Problemen der Aramäer vermitteln lassen. «Ich hoffe, dass viele Interessierte kommen werden», sagt Silvia Eyyi, die nun doch ein wenig von Nervosität gepackt ist. Schliesslich ist es für sie die erste Ausstellung, die sie ganz alleine auf die Beine gestellt hat.

thurgauerzeitung.ch

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