Dienstag, 18. Oktober 2011

Türkisches Schulbuch bezeichnet Aramäer als Landesverräter


Türkische Bücher
In türkischen Schulbüchern werden Nicht-Muslime als „Spione“, „Verräter“ sowie „Barbaren“ bezeichnet. Die Aramäer seien etwa „Landesverräter“. Foto: pashazade / flickr


17. 10. 2011

In der Türkei soll es unabhängig von der Religionszugehörigkeit nur „Bürger erster Klasse“ geben, sagte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan erst vor kurzem. Bundespräsident Christian Wulff sieht die Türkei sogar als Vorbild einer gelungenen Verbindung von muslimischer Gesellschaft und demokratischer Staatsordnung. Doch die Agitation des türkischen Staates gegenüber christlichen Minderheiten erreicht ein bislang ungeahntes Ausmaß. Im Geschichtsbuch für die zehnte Klasse werden Aramäer als Landesverräter bezeichnet, die aus wirtschaftlichen Gründen aus der Türkei ausgewandert und im Westen „zum Werkzeug der politischen und religiösen Interessen der dortigen Länder“ geworden sind.

„Ein handfester Skandal, der auch Deutschland und die angesprochenen westlichen Staaten was angeht“, meint der Bundesvorsitzende des Dachverbands der Aramäer in Deutschland, Daniyel Demir. „Wir sprechen schon seit geraumer Zeit von einer Einschüchterungs- und Hetzkampagne, die offenkundig auch von staatlicher Seite unterstützt wird. Wir fordern von der türkischen Regierung die unverzügliche Rücknahme dieses Geschichtsbuches und entsprechende Richtigstellung“, so Demir.

Das Ministerium für Bildung und Erziehung fiel bereits im April 2003 mit Dekreten gegen christliche Minderheiten auf. Das Ministerium veranlasste die türkischen Schüler dazu, an einem Aufsatzwettbewerb über die angebliche „Völkermordlüge“ der Armenier, Pontosgriechen sowie Aramäer mitzuwirken. Gleichzeitig verpflichtete das Ministerium die türkische Lehrerschaft zur Teilnahme an dazu passenden Fortbildungsmaßnahmen und hat die Neuauflagen veralteter türkischer Schulbücher vorgenommen, in denen Nicht-Muslime in der Türkei als „Spione“, „Verräter“ sowie „Barbaren“ bezeichnet werden. Zudem verweisen die Bücher darauf, dass deren Schulen, Kirchen sowie jüdische Synagogen „schädliche Gemeinden“ seien.

Christliche Minderheit im Fadenkreuz


Die indigene aramäische Bevölkerung wird in ihrer Heimat, dem Turabdin im Südosten der Türkei, seit Jahrhunderten verfolgt. Im Ersten Weltkrieg wurden die urchristlichen Syrer wegen ihres Glaubens zum Opfer des Völkermordes im Osmanischen Reich. Während der jahrzehntelangen Kämpfe zwischen kurdischen Rebellen und der türkischen Armee im Südosten des Landes flohen Tausende aus ihrem Siedlungsgebiet am „Berg der Knechte Gottes“. Von einst 200.000 Menschen in den sechziger Jahren leben heute nur noch 2000 in ihrer angestammten Heimat.

Seit 2008 werden haarsträubende Prozesse gegen das aramäische Kloster Mor Gabriel und seine Leitung geführt. Erdogan und seine Regierung verstecken sich hinter der Unabhängigkeit der Justiz, während es staatliche Behörden sind, die die Verfahren gegen das Kloster unnachgiebig vorantreiben. Ziel dieser systematischen juristischen Angriffe ist zum einen, die letzten verbliebenen Aramäer in der Region zu zermürben und zu vertreiben. Zum anderen werden sie dadurch in der öffentlichen Meinung und in der regionalen Bevölkerung gezielt diskreditiert. Das aktuell vom türkischen Staat veröffentlichte Schulbuch aus dem Jahr 2011 heizt die negative Stimmung gegen die wenigen noch verbliebenen Aramäer weiter an.

Breite Ablehnung von Christen und Juden in der Türkei

Erst 2009 wurde in einer Umfrage, die mit Unterstützung der EU von der jüdischen Gemeinde in der Türkei vorgenommen wurde, eine breite Ablehnung von Juden und Christen durch die muslimische Bevölkerungsmehrheit der Türkei dokumentiert. Jeder dritte Türke sagt, dass er keinen Christen als Nachbarn haben will, noch mehr lehnen Juden ab. Mehr als jeder zweite Befragte lehnte in der Umfrage die Beschäftigung von Nicht-Muslimen in der Justiz, in der Armee, bei der Polizei, beim Geheimdienst und in den politischen Parteien ab. Über 40 Prozent sind zudem dagegen, dass Christen oder Juden in der Wissenschaft und im Gesundheitswesen vertreten sind.
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