Montag, 27. Februar 2012

Tur Abdin: Gerichtsverhandlungen und "kleine Wunder" - 20 Jahre ökumenische Hilfe im Nordirak


Horst Oberkampf (vorne, 2. v. li) und Erzbischof Timotheus Samuel Aktas (3. v. li) mit weiteren Mitgliedern der Solidaritätsgruppe

Wenn Erzbischof Timotheos Samuel Aktas über sein Kloster Mor Gabriel, das geistliche Zentrum der syrisch-orthodoxen Kirche von Antiochien, spricht, dann erzählt er weder von Architektur noch von Geschichte, sondern von Religionsfreiheit und Gerichtsverhandlungen. "Es besteht die Gefahr, dass das Kloster enteignet wird", erklärt der Geistliche.

Leben wird schwieriger

Der syrisch-orthodoxe Metropolit ist nach Deutschland gereist, um beim 20-jährigen Bestehen der "Solidaritätsgruppe von Turabdin und Nordirak" am vergangenen Freitag in der Evangelischen Akademie Tutzing aus seiner Diözese zu berichten. "Wir befürchten, dass Land und Kloster vom Staat konfisziert und an jemanden verkauft werden, der keine guten Absichten hat und dort eine Moschee errichtet", sagt Erzbischof Timotheos. "Dann wird das Leben für die wenigen tausend Christen im Turabdin schwierig", ergänzt er.

In den Gerichtsverhandlungen werde um Eigentumsverhältnisse und Zuständigkeiten gestritten, obwohl belegt werden könne, dass die syrisch-orthodoxe Gemeinschaft das Kloster im Jahr 1935 bei den Behörden gemeldet habe und seit 1937 Steuern dafür zahle. Alle Versuche, die Angelegenheit friedlich zu lösen, seien gescheitert. Inzwischen werde die Sache vor dem Menschenrechtsgerichthof der Europäischen Union (EGMR) verhandelt.

Zentrale Anlaufstelle für Christen in der Region

Dann berichtet der Metropolit mit leuchtenden Augen von der Wiedereröffnung des Klosters Mor Augin im Juni 2011. Der Gebäudekomplex, der im 4. Jahrhundert gegründet wurde und über 40 Jahre leer stand, ist frisch renoviert. Jetzt werde die Kirche für Gottesdienste genutzt und sei zu einer zentralen Anlaufstelle für die Christen in der Region geworden. Dies sei ein ermutigendes Zeichen, auch für die Angehörigen im Ausland, sagt der Erzbischof. Dass das Kloster wieder eröffnet werden konnte, sei mitunter das Verdienst der Solidaritätsgruppe. Diese habe sich für die Minderheit engagiert und diese nicht nur finanziell, sondern auch moralisch unterstützt.

"Der Weg in den Turabdin und den Irak war nicht leicht", betont der für die ökumenischen Beziehungen zuständige Oberkirchenrat Michael Martin vor rund hundert Gästen. Das habe nicht nur an der militärischen Lage in der Südost-Türkei gelegen, sondern auch an der Tatsache, dass "wir Evangelische kaum etwas wussten von den Kirchen der Region". Später habe der Terror gegen die Christen und das Schicksal vieler Flüchtlinge den Menschen in Deutschland "die Augen geöffnet".
Respekt für die Traditionen der lokalen Kirchen

Für die bayerische Landeskirche sei ökumenische Hilfe immer vom Respekt für die Traditionen der lokalen Kirchen getragen. "Wir wollen niemanden evangelisch machen, wir wollen helfen, dass Christen in ihrer Heimat weiterleben können, so wie sie sich das wünschen", betont Martin. Dies schließe kritische Diskussionen nicht aus.

"Vieles hat sich verbessert", erklärt Horst Oberkampf. Dem Mitbegründer der Solidaritätsgruppe zufolge wurden in den letzten Jahren im Turabdin viele Kirchen und Häuser wieder aufgebaut. Es sei ein "kleines Wunder", dass einige Familien, die vor 25 Jahren aus dem Land geflohen waren, nun wieder zurückgekehrt seien. Problematisch bleibe die "faktische Rechtlosigkeit" für Minderheiten. "Hier muss der Druck erhöht und politisch weitergearbeitet werden", betonte Oberkampf.

Für Religionsfreiheit und Gleichberechtigung


Der zuständige Ökumenereferent der bayerischen Landeskirche, Thomas Prieto-Peral, erklärt, dass sich die Solidaritätsgruppe mit ihrer Arbeit explizit für Religionsfreiheit und Gleichberechtigung der Christen einsetze. Dahinter stehe ein umfassendes Verständnis von Religionsfreiheit: "Rechte und Freiheit für Christen werden dort am besten gewährleistet, wo Rechte und Freiheit für alle Religionen bestehen", so der bayerische Kirchenrat. Wer Freiheit wolle, müsse sie konsequent für alle Religionen fordern.

Der Arabische Frühling, der im Dezember 2010 in Tunesien ausgelöst worden sei, habe die Situation vieler Christen bislang eher verschlechtert, so Prieto-Peral. Tatsächlich gebe es noch keine ausformulierte Idee davon, was Demokratie unter nahöstlichen Verhältnissen bedeute und welche Bedeutung dies für Christen haben könne. Für Erzbischof Timotheos und die Solidaritätsgruppe bleibt also noch viel zu tun. Gerade sammelt die Gruppe wieder Spendengelder: Das Kloster Mor Gabriel soll eine Solaranlage erhalten. Gerichtsverhandlung hin oder her.

26.2.2012
Text: Rieke C. Harmsen (epd)
.bayern-evangelisch.d

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